Der Konformismus hat in der Kunst die längste und wichtigste Tradition, nicht der Widerstand. Anpassung und Loyalitätsbekundungen bilden den Mainstream. Was in der Kunst scheinbar das Wichtigste ist, also Widerstand, Unangepasstheit, Herausforderung, sind bloße Randerscheinungen. Heute dient die Kunst als Werkzeug, Menschen anpassungsfähig zu machen, dafür zu sorgen, dass sie bestimmte Regeln einhalten. Eine Regel ist zum Beispiel, dass man sich im Künstlermilieu grundsätzlich nur in einer >linken< Terminologie des Mitleids über soziales Elend unterhält. Wir gehen immer davon aus, dass ein Künstler anderen helfen will und ein Kurator sich nichts sehnlicher wünscht als die absolute Meinungsfreiheit. Doch diese Sprache verwischt politische Gräben und ist nichts anderes als Konformismus. Vor einiger Zeit habe ich einen Bericht über eine Kunstmesse gelesen, in dem stand, Künstler und Galerien präsentierten zahlreiche interessante Werke, die auf soziales Leid aufmerksam machten. Ich überlegte, was passiert, wenn man den Satz dahingehend ändern würde: »Auf der Kunstmesse trafen sich Menschen, die den Kapitalismus aktiv unterstützen und von der Kommerzialisierung sozialen Elends profitieren wollen.« Das ist der obszöne Unterbau der Kunst, genauso wie extrem rechte Sympathien oder neoliberale Haltungen von Künstlern zum obszönen Unterbau der künstlerischen Mitleidsterminologie gehören. Ähnlich obszön ist der Opportunismus vermeintlich rebellischer oder provokanter Künstler.