Unmöglicher Haufen


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Eine intellektuelle Tüchtigkeit eigener Art

Das im Nebeneinander der Fächer immer wieder zuschlagende ‚Leistungsprinzip’ drückt eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den bestimmten Inhalten aus. Es kommt eben auf die Betätigung aller von ihnen geforderten Geistesleistungen an - das Sich- Bewähren im Nebeneinander der Fächer kommt einem Test auf das gesamte geistige Befähigtsein gleich, das sich aus Übungseifer, Kombinationsfähigkeit, Merkleistung, Gedächtnis, Schlußfolgern, Urteilen usw. zusammensetzt. Wohlgemerkt: Dieses Konglomerat macht nach Auffassung der Schule die Bestandteile der geistig gebildeten Person aus und ist nicht mit der wirklichen Beschaffenheit des Geistes zu verwechseln. Dabei widerlegt die Schule selbst den Aberglauben, die Menschheit würde sich nach “Dummheit” bzw. “lntelligenz” als einer immanenten Beschaffenheit des Geistes unterscheiden - auch wenn sie für die Resultate ihres Wirkens diese volkstümliche Erklärung gerne gelten läßt, da diese dann ja eine unwidersprechlich-naturhafte Qualität erhalten. Unter Eltern wie Pädagogikprofessoren erfreut sich die Lehre von der unterschiedlichen Begabung, aus der die unterschiedliche Schulleistung mit Naturnotwendigkeit folgen soll, größter Wertschätzung. Dabei verlangt gerade die Schule für ihre Lernziele eine zivilisatorische Errungenschaft, die die Umwelt keinem Gen in die Wiege legt. Der Schulerfolg beruht auf einer intellektuellen Tüchtigkeit eigener Art, nämlich darauf, daß der Schüler sich mittels seines Willens zur Erfüllung der schulischen Anforderungen zwingt. Gleichgültig gegenüber bestimmten Vorlieben oder Abneigungen fordert die Schule gleichgewichtige Befassung mit allen Fächern, ist also auch rücksichtslos gegen “individuelle Schwächen”, die sie von ihrem Standpunkt aus ganz richtig als unwichtige Zufälligkeiten ansieht. Ihre Maxime ist der Durchschnitt, und wo der anzusetzen ist, muß man genauso ihr überlassen wie die Festlegung des Lernstoffs. Das Institut des Notenausgleichs ist somit nur ein scheinbares Entgegenkommen an die individuellen Neigungen: Wer eine Schwäche in einem Fach aufweist, muß den Nachweis erbringen, daß dies nicht einer prinzipiellen Leistungsschwäche geschuldet ist, indem er nämlich überdurchschnittliche Lernleistungen in anderen Fächern kompensatorisch nachweist; um einzelne individuelle Flops mag sich die Schule nicht kümmern, wenn sich der Schüler nur insgesamt als leistungsfähige und -bereite Person beweist. Im übrigen ist auch eine solche Schwäche auf Dauer zumindest in ein “ausreichend” umzuwandeln…

Die Schule lügt also nicht, wenn sie behauptet, die “Gesamtperson” zu beurteilen - es ist ja die von ihr geschaffene “Gesamtperson”. Die Noten messen keine Intelligenzquotienten, sondern sind die Darstellung des Vergleichs zwischen Anforderungskatalog und Anforderungserfüllung und vergleichen zugleich die Schüler untereinander. Dabei kommt für jeden Schüler ein Notenschnitt heraus, aus welchem sich erkennen läßt, in welchem Umfang er seinen Geist dazu gebracht hat, die Note als die einzig gültige Verobjektivierung seines Geistes zu nehmen. Er muß einsehen und sich darin einrichten, daß das Ganze seiner Neigungen und Abneigungen, Stärken und Schwächen nur soviel “wert” ist, wie es sich hintennach als Note herausstellt. Die “Gesamtperson” wird um so respektabler, je erfolgreicher sie sich den Anforderungen der Schule unterwirft.


Moralität als Lernerfolg

Diese Unterwerfung produziert ihre eigene, dazugehörige Moral. Umgekehrt: Ohne diese Moral ist schulische Leistung gar nicht zu erbringen. Sie hat ihren Ursprung in der Verdoppelung des Lernens: Es ist die Aneignung vorgegebenen Stoffes und es ist die damit einhergehende Anstrengung, die getrennt davon abstrakt aufgebrachte Bereitschaft, ihn sich fraglos und in der geforderten Zeit anzueignen. Es ist eine Leistung eigener Art, an jedem Gegenstand das Moment des spontanen Desinteresses nicht und das Interesse nur soweit gelten zu lassen, wie es der staatliche Lehrkanon vorschreibt.

Am “Fehler” mancher Schüler, die mangelnde Aneignung des Stoffs durch die bloße Bekundung der Bereitschaft - vom Gehorsam bis zur Schleimerei - kompensieren zu wollen - ein “Fehler”, dessen ausbleibender Erfolg sie entweder zu immer peinlicheren Selbstdarstellungsformen animiert, oder sie zur Absage bewegt: “Ich bin hier sowieso fehl am Platze” -, läßt sich ersehen, daß eben beides erforderlich ist. Die Schule läßt sich Wissen durch Bravheit nicht abhandeln; andererseits bringt es zu einem “Wissenden” - also zu einem, der das Klassenziel erreicht - auch nur der, der ein gerüttelt Maß an Bravheit aufbringt. Wenn er nämlich für die Schule lernt und das Verhältnis Schule-Schüler als ein Unterordnungsverhältnis begriffen hat, dann braucht es für ihn nicht Duckmäuserei und Leisetreterei, sondern gerade im Gegenteil ein verständiges Sich- Einrichten: Die schulischen Zwecke und Anforderungen haben nun mal “Vorrang”.

Daran lernen die Schüler schließlich, sich selbst und andere nach “vernünftigen Kriterien” zu beurteilen. Aus den Noten erschließen sich ihnen die Grade der Bewährung, die sie nach Meinung der Schule nachweisen konnten. So mancher tolle Hecht auf der hintersten Bank wird darüber allmählich ganz grau, und sehr rasch bilden sich schon im kindlichen Hirn feste Vorstellungen, was ein “Guter” und was ein “Schlechter” ist, wer “was kann” und wer “zurecht rausfliegt”. Da die Noten unübersehbare gesellschaftliche Gültigkeit haben, der Staat keinen Zweifel daran läßt, daß er seine leistungswilligen Jungbürger durch diese Brille betrachtet und sortiert, kommen jene gar nicht umhin, diese Beurteilung als das Urteil über die Person zu nehmen - freilich nie ohne die begleitende Klage über “Ungerechtigkeit”. Aber alles Räsonieren über “eigentlich” übergangene Fähigkeiten, nicht berücksichtigtes Können, über die Benachteiligung gegenüber anderen, hilft nicht darüber hinweg, daß die Schule ihr Urteil vollstreckt. Der auf dem Weg zur “Realitätstüchtigkeit” befindliche Schüler akzeptiert das und macht damit zwei wichtige Schritte:

- Er weist seine Vorstellungen über sich und seine Zukunft ins Reich der Träume und Wünsche, die nur dann wahr werden, wenn die Schule damit einverstanden ist; sie ist mit ihren Bedingungen und Vorschriften sein erster und entscheidender “Lebenskampf”.

- Er macht die schulischen Urteile über seine Person zu seinem Selbstbewußtsein und anerkennt als dessen Gradmesser die gesellschaftlichen Voraussetzungen, deren “Widerspiegelung” die Schule ist.

Ganz allgemein heißt Moral für den Schüler: Auf dem gesellschaftlich vorgegebenen Betätigungsfeld muß man sich durchbeißen, nach Sinn und Zweck nur fragen, um sich nach den gegebenen Antworten dann auch zu richten. So stellt sich die erste moralische Lehre ein: “Den inneren Schweinehund überwinden!” Wer das nicht schafft, hat wirklich “no future” - andererseits findet er darin seinen Trost, wofür Moral schließlich auch zuständig ist. Wenn er nämlich nicht weit gekommen ist, so weiß er wenigstens einen “Grund” - sich selbst. Damit ist er in den Grundgedanken der moralischen Tätigkeit eingeführt: Es handelt sich um einen geistig verfertigten Selbstbetrug, der sich das Zurechtkommen mit Zwängen als selbstgesetzte Absicht des eigenen Willens und die Grade des Zurechtkommens als unterschiedlich gelungene Willensleistung erklärt. An der Schule macht sich der Schüler klar, daß ohne diese neben und zum Stoff aufzubringende Technik der Selbstformation der Erwerb von Wissen nicht geht.


MSZ 1986 Ausgabe 12: Ausbildung und Einbildung. DIE KLASSENGESELLSCHAFT VERTEILT IHRE KARRIEREN